Monday, September 10, 2007 by Ingo
Wie ich ja bereits erklärte, musste ich die Tour nach 6 Tagen abbrechen. Näheres dazu in den diesen Tagesberichten. Die Bilder könnt ihr alle großklicken, dann sollte sich ein Fenster mit dem Bild in groß öffnen. Die gelbe orange Linie (ich bin farbfehlsichtig) auf den Satellitenbildern ist jeweils der aufgezeichnete - also tatsächlich gefahrene - GPS Track.
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Tag 1
Ich wollte viel früher morgens losfahren, aber es goß in Strömen. Ich habe fast bis 12 Uhr Mittags warten müssen, bis es endlich zu regnen aufhörte und ich losfuhr.
Auf einem Trampelpfad in einem Wald, der herunter zur Ruhr führte, habe ich die erste Matschlandung gemacht, als meine Reifen zu sehr voll Matsche waren und den Grip verloren haben, in einer Kurve. Sah spektakulär aus, ist aber gar nichts passiert. Aber Bike und ich waren schön dreckig. Das wasserdichte (richtig und echt wasserdicht) GPS hat dabei seine Taufe erfahren, als es in einer tiefen Pfütze gelandet ist. Alles no problem, habe ich später kurz in der Ruhr abgewaschen, damit ich das Display wieder sehen konnte.
Die erste Pause habe ich in Essen-Kupferdreh machen müssen, als es wieder stark anfing zu schauern. Ich konnte die Gelegenheit aber nutzen, um etwas zu essen und einen Kaffee zu trinken. Ich kam gerade noch rechtzeitig an diesem Supermarkt - ich glaube es war ein Plus-Laden - mit Bäckerei an. Hier habe ich der Bäckereiverkäuferin (aus Versehen) das Feuerzeug geklaut. Sie hatte es mir geliehen, und ich habe es versehentlich mitgehen lassen. Aber war ja für einen guten Zweck.
Hier der Standort:

An diesem Tag fiel mir bereits auf, wie abhängig meine Laune und Motivation vom Wetter ist. Wann immer ein Sonnenstrahl auf meine Haut fiel, hatte ich Spaß. Begann es zu regnen oder war sehr bedeckt und kalt, machte das keinen Spaß mehr.
Die zweite Pause machte ich am Brückencafé, Kettwiger Staussee. Da war ich schon als Jugendlicher oft, und im Prinzip hat sich da gar nichts verändert. Immer noch dieselben Rentner unterwegs.
Und das war dort:

Die Kellnerin hatte Husky-Augen, sowas hatte ich noch nicht gesehen. Ich habe mitbekommen, daß sie ein Augenmodel war. Also NUR Augen! Sowas hatte ich auch noch nie gehört. Hier hätte ich auch fast ein Feuerzeug geklaut, mir ist es aber im letzten Moment noch aufgefallen.
Als ich dort saß, nahm das Wolken-Sonne-Spiel seinen Lauf; mal war es warm, mal eiskalt.
Neben mir am Tisch saß ein nettes Bikerpaar, mit denen ich ein wenig gequatscht habe. Dann ging es weiter Richtung Mülheim.
Am Wasserbahnhof/Mülheim wurde mir das Ausmaß des Ruhrhochwassers richtig bewusst. Hier das Satellitenbild:

Von dort aus bin ich nicht die Ruhr entlang sondern quer durch DIE LINKE Ruhrseite Mülheims nach Duisburg gefahren. Ich wusste, das die Strecke an der Ruhr entlang nicht schön ist (nur Industrie), schließlich habe ich über 20 Jahre in Mülheim gelebt.
In Duisburg kam ich - ich kannte den Ort nicht - auf einmal an dem italienischen Restaurant vorbei, an dem die Mafiamorde geschahen. Als ich dort anhielt, verließen gerade ein paar Menschen den Ort, nachdem sie Kerzen angezündet hatten und ein paar Blumen hingelegt hatten. Das Ganze war eine traurige Kulisse, und ich hielt mehr als einen Moment lang inne und war in Gedanken bei den Familien der Opfer.

Mann, war ich froh, als ich die Ruhrmündung und die andere Seite des Rheins erreichte. Glücklich, weil ich die erste Etappe problemlos gefahren war, und erleichtert, weil ich endlich aus der schrecklichen Gegend auf der gegenüberliegenden Seite in Duisburg herauskam. In diesem Teil von Duisburg kann man sich nicht immer so sicher sein, unbeschadet da durch zu kommen.
In dieser kleinen Ansammlung von Bäumen fand ich dann meinen Schlafplatz:

Das war übrigens der beste Schlafplatz, den ich während der gesamten Tour hatte. Komischerweise.
Ich ging abends noch bei einem Italiener Nudeln essen, lernte dabei ein paar lustige Menschen kennen - so Ruhrpott-Originale - und war auch schön müde, konnte entsprechend gut schlafen, obwohl ich nach 4 Stunden wieder wach war. Ich war dennoch fit am nächsten Morgen.
Tag 2
Morgens bekam ich an diesem Kiosk einen guten, großen Pott Kaffee und ein Brötchen, unterhielt mich angeregt mit Jürgen, den ich vorher natürlich nicht kannte, und wunderte mich über die knapp 65-jährige Bettina, die ein Strafverfahren wegen unerlaubten Waffenbesitzes am Hintern hatte.
Sowas gibt’s - glaube ich - nur im Ruhrpott.

Das kleine Häuschen in der Mitte ist der Kiosk. Im Ruhrpott heißt sowas einfach “Bude” oder “Büdchen” und ist Ruhrpott-Kulturerbe. Buden gibt’s im Pott an jeder Ecke. Darin sitzen meist irgendwelche Erikas mit rauchigen Stimmen, Übergewicht, die zuviel quatschen und rauchen, aber eine gewisse Herzensgüte haben. Das Ganze hat einen schrulligen Charme, der mir von Kindesbeinen an vertraut ist. Das ist irgendwie “Heimat”, dort treffen sich morgens Säufer, Kaffeejunkies, Kippenholer, Dummschwätzer und sonstige Normalitäten des Lebens. Allen voran die “Bild”-Leser.
Vorteil: An einer Bude erfährt man alles, was man sonst sicher verpassen würde. Geschichten aus dem echten Leben. Wie die von Bettina zum Beispiel, die sich eine Schußwaffe besorgt hat, um sich vor den “ganzen Kanaken” zu schützen (O-Ton Bettina). Die Polizei hatte dafür wenig Verständnis, und heute beklagt Bettina, das ihre Waffe nun in der “Reservatenkammer” (korrekt: Asservatenkammer) der Staatsanwaltschaft liegt.
Bettina war übrigens mit einer Art Morgenrock und Pantoffeln bekleidet. Jürgen, der Parkettleger, baute nebenbei Brunnen, um sich was dazu zu verdienen. Er hatte “Rücken”, im Speziellen “Bandscheibe”, weil er die Maloche schon seit 30 Jahren macht. Zu Hause 3 Kinder, eine Frau, einen Hund und 350 € Miete. Und noch ca. 15 Jahre bis zur Rente. Jürgen sieht das aber gelassen:
Ich mach so lange ich kann. Is mir doch scheißegal! Wenn ich nich mehr kann, solln se mich alle anne Füße lecken.
Recht hat er, der Jürgen. Er hatte sowas von “Bauernschläue”. Hier im Pott, an so einem Büdchen, beeindruckt das übrigens niemanden, wenn man mit dem Bike in die Schweiz unterwegs ist. Da ist man nur ein Spinner unter vielen anderen.
Auf meinem Weg Richtung Krefeld hatte ich an diesem Punkt extrem mit Gegenwind zu kämpfen und es nervte mich, daß ich kaum voran kam:

Das Wetter war - wie immer - wechselhaft, tendenziell kalt und wolkig. Aus Versehen kam mal ein Sonnenstrahl durch. Ernüchternd. Noch ernüchternder war die viele Schwerindustrie entlang des Rheinufers. Was muss dieser Fluß alles aushalten …?
Über Düsseldorf kam ich dann recht zeitig in Köln an, traf den Detlef, der mich zu sich nach Hause einlud, und wir hatten einen lustigen Abend bei ein paar Gläsern Wein, zusammen mit seiner Freundin. Detlefs Hund (”Ramses”) liebte mich. Jedenfalls duschte er mich den ganzen Abend lang, bevor ich überhaupt an eine Dusche dachte.
Ich habe die herzliche Gastfreundschaft und die spannende und witzige Unterhaltung mit den Beiden sehr genossen. Tolle Menschen! In dem Zusammenhang möchte ich mich nochmals auf’s Herzlichste dafür bedanken!
Tag 3
Ich hing erstmal bis 11 Uhr vormittags in Köln fest, es regnete eimerweise. Als es dann endlich aufhörte, kam sogar die Sonne raus und ich hatte sofort gute Laune. Entsprechend gut kam ich voran, Richtung Bonn zunächst. Ernüchterung beschlich mich kurz vor Wesseling, als ich die rauchenden Schlote sah:

Ich habe gewisse Umstände, zu verstehen, wieso Menschen derart rücksichtslos die Erde verpesten müssen. Aber das ist natürlich alles im Rahmen der Gesetze, alles genehmigt und abgenommen. Lizenz zum Töten. An inconvenient truth.
Ich war übrigens immer in dem Irrglaube, Bonn sei ein nettes Städtchen. Bonn ist eine völlig überfüllte Stadt, in der man als Biker beinahe plattgefahren wird, wenn man nicht auf der Hut ist. Bonn ist laut, stinkend und platzt fast vor Menschen. Schlimm. Ich habe mich dort sehr unwohl gefühlt.
Südlich von Bonn beginnt der - wie ich ihn mal nenne - “Rheinterror”! Jeder zweite Schuppen heißt “Vater Rhein”, “Landsknecht”, “Rheinhotel”, Rhein-dies, Rhein-das, Rhein-jenes. Hier ein Beispiel aus Bad Breisig:

Ganz toll sind auch die Preise am Rheinufer. Pizza für 10 €, alberne Souvenirartikel zu horrenden Kursen … die totale Touristenverarschung.
Bis tief nach Rheinland-Pfalz hinein ist das Rheinufer gepflastert mit Nazi-Soldatenverehrung! Überall Büsten, Statuen und Monumente, die die “gefallenen Kriegshelden” und “Söhne des Vaterlandes” ehren. Ich hätte bald gekotzt. Unverständlich, wie sowas noch existieren kann. Und da regt man sich heute über Eva Herman auf …
Eindrucksvoll widerum war die Raiffeisenbrücke an meinem Tagesetappenziel Neuwied. Was für ein Panorama!

Das Wetter war - schlicht formuliert - total beschissen, und nun sah ich zum Ersten Mal die Nacht als Feind kommen. Ich wollte eigentlich auf einer Insel am Steinsee nächtigen, aber es war schon zu dunkel, zu matschig, weshalb ich mich dazu entschlossen hatte, überdacht zu nächtigen, weil es in Strömen regnete.
Also baute ich mein kleines Zelt unter dieser Eisenbahnbrücke auf, auf der ein paar Mal pro Stunde S-Bahnen hin- und herfuhren. Ganz toll, sage ich euch. Jedenfalls fliegt einem da der Schmalz aus den Ohren:

Dort gehen gern bis spät in die Nacht noch Hundehalter mit ihren Hunden spazieren, also kam ich bis 1 Uhr nachts nicht zum Schlafen, weil ich ständig von neugierigen Hunden (und S-Bahnen) aufgesucht wurde. Hinzu kamen aber auch neugierige Hundehalter, von denen einer in der Dunkelheit ein Verbrechen vermutete, als sein Hund - ein Dobermann - mich witterte. Das hat mich eine halbe Stunde Erklärungen gekostet; ich war total abgefuckt.
Meine Befürchtungen wurden noch wahrer als wahr. Die Nacht war höllisch feucht und kalt, bei 2 Grad. Morgens brauchte ich nach dem Wachsein ca. 1 Stunde, um aus dem Zelt zu kriechen, so derart durchgefroren war ich. Die Glieder steif, vielleicht 3 Stunden geschlafen (ich weiss das nicht genau), es regnete immer noch und war noch kälter geworden. Ich versuchte mit ein paar Stretching-Akrobatiken wieder Leben in mich einzuhauchen. NOCH war ich nicht erkältet. Ich nahm täglich 10 Tropfen Propolislösung (natürliches Bienen-Antibiotikum), was mich vermutlich davor bewahrte. Aber ich war völlig zerschlagen, mein Kreislauf im Keller, und der wollte auch die nächsten 3 Stunden nicht hochkommen. Das war die erste Nacht, die mich ernsthaft Substanz kostete. Der Erholungsfaktor fehlte völlig, im Gegenteil, diese Nacht raubte mir Kraft. Feuchtigkeit und Kälte zusammen sind pure Energiefresser, das geht an die Substanz. Hinzu kamen auch morgens wieder die nervigen Hunde, die wissen wollten, wer da in einem Zelt herumwuselt. Und solche Hunde sind nicht immer freundlich … mein Glück, daß ich mit Hunden gekonnt umgehen kann und weiß, wie man sich in solchen Fällen verhält. Nämlich ruhig und gelassen.
Relativ kraftlos und neben mir radelnd kämpfte ich mich wie ein Äffchen auf dem Schleifstein bis Koblenz durch, 20 km entfernt. Dort suchte ich mir ein Café, denn mir war klar, daß ich unbedingt essen und trinken musste, damit die Maschine wieder in den Gang kommt. Ich habe bis zum letzten Bissen in dem Café immer noch gefroren, mir wurde überhaupt nicht mehr warm. Erst eine halbe Stunde nach der Speisung kam mein Kreislauf so langsam in die Gänge. Und ich hatte jetzt bereits 30 km hinter mir.
Hinter Spay wurde ich dann noch von einem Monster-Unwetter überfallen, das mich richtig kalt erwischte. Denn ich war gerade mitten im Nichts, keine Möglichkeit zum Unterstellen. Und wieder war ich nass und durchgefroren bis auf die Knochen. Selbst zu diesem Zeitpunkt hoffte und rechnete ich dennoch immer noch mit einer Wetterbesserung. Die war auch streckenweise immer wieder vorhanden. Unwetter wechselten sich mit stechender Sonne ab. Grotesk.
In St. Goar flog mir fast das Blech weg, zumal ich sowieso beschissene Laune hatte. Ich war in so einem Souvenirladen, mit mir 3 oder 4 indisch anmutende Mitmenschen, die sich bei der Verkäuferin nach Preisen für irgendwas erkundigten. Das bekam ich nicht so genau mit. Ich sah nur, wie die Verkäuferin den Leuten über alle Ohren grinsend in den Hintern kroch. Nachdem die Inder brav gelöhnt hatten und das Etablissement verließen, drehte sich die Verkäuferin um und sagte deutlich in meine Richtung:
Stinkendes Ausländerpack …
Da ist mir der Sack geplatzt.
Habe ich das gerade richtig gehört? Sie sollten sich in Grund und Boden schämen, den Leuten erst vergnügt die Kohle aus der Tasche zu leiern und dann anschließend diese braune Scheiße abzulassen! Um sie auszunehmen sind sie scheinbar gut genug, die stinkenden Ausländer! Stecken sie sich ihren Dreck sonst wo hin!
Ich habe auch noch was anderes und mehr gesagt, und habe dabei sicher auch die Form verloren, aber lassen wir das hier. Polternd verließ ich den Laden und auch St. Goar. Ich hatte die Schnauze etwas voll dem dem braunen Gesocks entlang des Rheins. Und in Bacharach wurde das auch nicht besser:

In Bingen angekommen, wurde ich auf einmal von der Freundlichkeit und Lebensfreude der Binger überrascht. Er war Winzerfest, die Sonne zeigte sich netterweise mal ein bißchen, und ich bekam nahezu gute Laune. Ich ging also an einen Winzerstand und schlürfte erstmal einen leckeren Riesling, während ich mich angeregt mit dem Winzer himself, Rudi Huber, unterhielt. Ein zurückhaltender, höflicher und freundlicher Mittvierziger, der auf mich den Eindruck machte, als verstünde er richtig was vom Weinbau. Ausserdem unterhielt ich mich noch mit einer vierfachen Mutter, die gerade fünffache wurde und total gelassen dabei war.
Hier war der Weinstand (Bildmitte):

Als ich danach mein Nachtlager aufsuchen wollte - nämlich an der Hindenburgbrücke (die nicht mehr existente, auf dem Bild seht ihr noch die Pfeiler im Rhein) - wurde ich von einem Campingplatz überrascht, der mir plötzlich sehr gelegen kam.

Ich mietete mir dort spontan für eine Nacht einen Zeltplatz für 6 € und kaufte mir noch Strom (1 €) und 3 Duschmarken (á 1 €) dazu. Ein kleines bißchen Komfort für 10 € insgesamt. Ausserdem gab es dort Kaffee und sämtliche Speisen dieser Welt … na ja, nicht alle, aber genug für mich.
Bingen war die beste Erfahrung der Tour. Auf dem Campingplatz habe ich den lustigen Hansi kennengelernt, der nachts besoffen schon mal mit seinem Boot nach Köln fährt und sich morgens wundert, wo er ist. Seine Frau übrigens auch. Hansi und ich haben ein paar Bierchen zusammen getrunken und uns herzhaft amüsiert. Er sich über meine, ich mich über seine Geschichten. Schließlich war ich für ihn “der in dem Zelt kriechende”, nachdem er mich beim Zeltaufbau beobachtet hatte.
Die Binger sind ein munteres Völkchen, das hat Spaß gemacht.
Als ich um 12 nachts ins Zelt kroch, war ich wieder guten Mutes und machte mir wenig Sorgen über die Nacht. Ausserdem hatte ich Strom - also ladende GPS und Handyakkus - und eine morgentliche Aussicht auf eine heiße Dusche. Ich schlief relativ erholsame 6 Stunden, wenn auch bei 2 Grad Kälte.
Tag 4
Am Morgen duschte ich exakte 24 Minuten so heiß, daß ich hinterher regelrecht gargekocht war. Danach gab es sofort Kaffee und Brötchen. So kann so ein Tourtag ganz gut beginnen. Ich schöpfte wieder Hoffnung, Substanz zuzulegen. Ich verabschiedete mich herzlich bei Hansi und tourte weiter Richtung Mainz, wo ich mit Silvia verabredet war.
Budenheim bescherte mir unerwartete Berge, aber ich machte Höllentempo (25 km/h im Schnitt), weshalb ich nur leicht verspätet in Mainz ankam. Es gab unterwegs aber auch viele Obstbauern, die mich oft anhielten ließen.
Hier zum Beispiel:

Das Wetter war mal richtig super und meine Laune ging immer höher, trotz mörderischer Steigungen bei Budenheim. Als ich Silvia (von der Raveline) in Mainz am Rheinufer traf, war ich super drauf. Wir haben uns nett unterhalten, während uns die Sonne auf das Plätzchen schien. Die 3 Stunden mehr Schlaf als sonst, die heiße Dusche und das Bißchen Infrastruktur hatte mir gut getan. Ausserdem war das Wetter so heiter wie ich.
Schade das der Ralph (Taucher) nicht kommen konnte, Silvia wollte ihn eigentlich mitnehmen, aber er steckte irgendwie in Produktionen fest. Hätte mich gefreut.
Vorbei an gewaltigen Weinbergen ging meine Reise weiter Richtung Worms. Durch diese Weinberge fuhr ich:

Ich spürte - bei all der guten Laune - noch die Auswirkungen der kalten und nassen Nächte zuvor, und ich sah der kommenden Nacht die ganze Zeit über mit Respekt entgegen. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Mein Ziel für die Tagesetappe war Rheindürkheim. Was ich nicht wusste: Die Strecke dorthin führte mich 20 km quer über Acker. Das raubte enorme Kraft. Am Abend, in Rheindürkheim angekommen, war ich völlig erledigt.
Es kam noch ätzender: Als ich in Rheindürkheim angekommen war, dunkelte es schon stark. Problem: Wenn es dunkel ist, sieht man die Umgebung um einen Schlafplatz herum nicht mehr, kann also Risiken oder Ungünstigkeiten nicht mehr einschätzen. Es fehlt der Überblick über die Situation.
Bis ca. 12 Uhr fuhr ich weiter Richtung Worms, weil ich in Rheindürkheim einfach keinen Schlafplatz fand. Hinter Worms war ich dann so fertig (müde), daß ich mich in das erstbeste Waldstück gepflanzt habe, wohlwissend, das dies ein enormes Risiko war. Es ging aber nicht mehr weiter.
Hier ließ ich mich nieder:

Ich war gerade noch in der Lage, das Zelt aufzubauen, in welches ich mich dann wie ein nasser Sack fallen ließ. Ich hatte 12 Stunden Non-Stop-Fahrt hinter mir, und es war SCHWEINEKALT geworden. Für die Nacht schwante mir noch ganz kurz Böses, aber ich bekam das nicht mehr so richtig auf die Reihe; mir war das nicht mehr richtig bewusst, daß der Boden bereits jetzt schon angefroren war. Die Heringe vom Zelt gingen so gerade noch in den Boden.
Ich schlief sehr schlecht, obwohl ich so kaputt war. Ich kam nicht richtig in einen durchgehenden Schlaf, wurde zwischendurch immer durch die Kälte wach, und ich bemerkte zwischendurch den Bodenfrost und durch Kondens- und Regenwasser gefrorene Zeltwände. Die ganze Nacht war eine einzige Katastrophe und killte meinen Kopf.
Morgen erzähle ich euch vom 5. Tag und dem Ende der Tour. Dabei erkläre ich auch mal genauestens, was physisch und mental mit mir vorging. Das gestaltet sich nämlich komplexer als mancher sich so einfach vorstellt. Harret der Erklärung, dann seht ihr klarer.
Tag 5 - Das Ende
Am Morgen des 5. Tages war ich mehr Zombie als Peacebiker. So sah ich aus:

Ich erkannte ein Gefühl, daß ich schon mal hatte: Hypothermie (schaut euch den Link auf jeden Fall an, dann wisst ihr, was mit mir abging).
Kurze Randinfo: Bei einem Bundeswehrmanöver nachts bei -20° C hatte meine Wachablösung verpennt, ich stand die ganze Nacht wie festgenagelt auf einem Fleck und fror mir regelrecht alles ab. Außerdem halluzinierte ich bereits und war kaum noch ansprechbar nahe der Bewusstlosigkeit. Auf der Intensivstation des zivilen Krankenhauses in Hemer (Sauerland) hatte ich noch irgendwas zwischen 32 und 33° Körpertemperatur und belustigte mich eine ganze Woche im Krankenhaus.
Ich war also am Ende meiner körperlichen und mentalen Konstitution angekommen, und das wurde mir sofort bewusst. Ich rief meinen Bruder an, und wir vereinbarten einen Abholungs-Treffpunkt bei Wiesbaden. Also fuhr ich nochmal 80 km bis Wiesbaden zurück und ließ mich von meinem Bruder am späten Abend abholen.
Die nächtliche Unterkühlung hatte mir alles geraubt, was noch drin war. Zusammen mit den körperlichen Erscheinungen, die Hypothermie mit sich zieht, war der stetige Schlafentzug ein unüberwindbares Problem geworden. Ich wusste, als ich meinen Bruder anrief, daß ich jetzt eine vernünftige Entscheidung treffe. Natürlich war ich enttäuscht, natürlich hatte ich Zweifel an mir selbst und meiner Vision. Ich wusste aber tief in mir, das es nicht an mir lag sondern an der äußerst außergewöhnlichen Kälte, mit der kein Mensch vorher konkret rechnen konnte. Wie hätte ich im September mit 0° C rechnen können? Mein Equipment war für diese Temperaturen einfach nicht ausgelegt.
Die Tour war für mich eine außergewöhnliche und glückvolle Grenzerfahrung. Bin ich auch rein von der Fitness her nicht an meine Grenzen gekommen, so doch an meine körperklimatischen und mentalen. Ich empfinde immer jede Grenzerfahrung als einen Schritt näher zu meinem wahren ICH.
Der Abbruch - ich wiederhole mich - war eine weise Entscheidung, die ich in einer solchen Situation trotz aller Abenteuerlust immer wieder so treffen würde. Ich habe aber auch sehr viel durch diese Tour gelernt, zum Beispiel für die nächste Tour von Mailand nach Sizilien (Catana) in 2008. Das sind 1500 km, Umwege nicht hinzugerechnet, und ich werde diesmal nicht alleine sein. Außerdem werden wir, so es denn nötig ist, überdachte Unterkünfte aufsuchen.
Diese Tour wird NICHT scheitern.
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