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Tuesday, July 31, 2007 by Ingo

Ein paar kleine Gedanken in Liebe


Genau jetzt, wo ich diesen Beitrag schreibe, ist mein Vater vor 14 Jahren dahingegangen, am 31. Juli 1992, kurz nach 9. Er lag im Bett und ist ziemlich friedlich eingeschlafen, kein großes Ding.

Ich war damals nicht traurig, weil er (so früh, mit 48) gestorben ist. Er war 18 Jahre lang krank, und er wurde mit jedem Jahr kranker. Insofern war sein Tod sowieso eine Erlösung. Traurig war ich, weil wir zu (seinen) Lebzeiten nie die Gelegenheit genutzt haben /nutzen konnten, zueinander zu finden. Mein Vater war ein schlimmer Typ, und wer mich und meine Familie persönlich kennt, dem brauche ich das nicht zu erklären.

Sein Tod war nicht nur seine eigene sondern auch die Erlösung für viele andere, obgleich das niemand offen zugegeben hat. Ich schon. Und natürlich habe ich mir dafür herbe Kommentare eingefangen. Dennoch war ich am traurigsten von allen Beteiligten, auch nachhaltiger, ich erwähnte ja bereits warum. Hinzu kommt aber auch, das ich der Einzige von allen Beteiligten war, der praktisch nie einen Vater hatte. Physisch war er zugegen, ansonsten war er in seinem gesamten Leben für mich nicht erreichbar. Daraus entwickelte sich auch schnell eine Unerreichbarkeit meinerseits. Wie gesagt: Wir konnten nie zueinander finden.

Mein Vater hat mich (und alle anderen) tyrannisiert, kontrolliert und Macht mißbraucht. Er war - bis auf ganz wenige lichte Momente - schier unerträglich. Er ist mitten im Krieg geboren, wurde von seiner Mutter abgeschoben zu seinem Vater (aber vorher körperlich mißhandelt), der wenig Interesse an ihm hatte und außerdem selbst früh starb. Mit 13 war mein Vater im Waisenhaus, mit 15 begann er eine Lehre zum Industriekaufmann, und mit 16 war er allein auf sich gestellt. “Liebe” war zu der Zeit für ihn ein Fremdwort aus einer anderen Welt, in der er sich nie aufgehalten hatte. Stattdessen ackerte er sich hoch und wurde bei allem was er tat erfolgreich. Er hat all das mit kohlemässigem Erfolg zu kompensieren versucht, was ihm fehlte, weshalb er ja auch sehr früh sehr krank wurde.

Er ging vielleicht einmal im Jahr ohne Krawatte aus dem Haus, und wenn es kein Anzug war, dann mindestens eine farblich perfekt abgestimmte Kombination. Seine geschätzen 300 Paar Schuhe putze er eigenhändig in beständiger Regelmässigkeit, sein(e) Auto(s) bekamen einmal die Woche eine Dusche, und er ging sogar einmal die Woche zum Friseur, um sich den Bart schneiden zu lassen. Alle 2 Wochen Maniküre. Wenn seine Hemden nicht perfekt gebügelt waren, bekam er einen Anfall. Wenn Essen entweder nicht gar, zu gar, zu sehr gewürzt, zuwenig gewürzt oder wie auch immer war, bekam er ebenso einen Anfall. Den grössten Anfall bekam er, wenn man ihm widersprach oder mit ihm diskutieren wollte. Man hatte ohnehin keine Chance; er war der grösste Rethoriker, den ich leibhaftig erlebt habe. Er drehte JEDEM einen Strick, ohne das er den auch nur hätte kommen sehen. Mein Vater ließ niemanden zu, außer sich selbst. Und selbst das fiel ihm schwer.
Mit 48, also nahe dem Ende, bestand sein Blutgefäßsystem nur noch aus Plastik. Vom Herzen in beide Beine, beide Arme; die OP für die Plastikleitung zum Kopf hat er nicht mehr mitgemacht, weil abgelehnt. Er hat seinen Tod selbst entschieden, quasi. Bis dahin wurde er zig mal operiert und dabei aufgeschnitten wie eine Currywurst. Auch auf die unzähligen verschiedenen Medikamente hatte er keine Lust mehr, vor Allem auf die Nebenwirkungen nicht. Er hat das alles eigenmächtig abgesetzt, mit der Gewissheit, das dies sein Leben schneller beenden wird. Das konnte ich verstehen. Ansonsten blieb er für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Bis er dann tot war.

Die letzten 2 Jahre seines Lebens hatten wir keinen Kontakt mehr zueinander, ich war mit 18 (17 Tage nach meinem Geburtstag) ausgezogen, in ein eigenes Wohnklo mit Küche, 28 m², Drecks-Wohngegend in Essen. Ich  war arm wie eine Kirchenmaus und bin jeden Morgen um 5 aufgestanden, um 40 km zur Ausbildungsstätte zu fahren, die ich gehasst habe. Mein Vater wollte diese Ausbildung. Ich war allein, nein: Einsam. Ich hatte nicht immer was zu Essen, und zu allem Überfluß auch noch eine Beziehung zu einer Türkin/Kurdin, die sich mehr als schwierig gestaltete. Aus Angst, von ihren Brüdern getötet zu werden, machte sie Schluß. Und dann starb mein Vater, von dem ich wusste, daß er mehr als einmal heimlich in Essen - im Auto sitzend - vor meiner Tür stand. Man erzählte es mir. Ein dunkler S-Klasse Mercedes aus Dortmund war in dieser Gegend nämlich nahezu eine Sensation. Damals hätte er vor der Tür stehen bleiben müssen, wenn er geklingelt hätte. Aus heutiger Sicht hätte ich ihn natürlich reingelassen.

Ich bedauere es, daß wir nie unsere Chancen nutzen konnten. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, beschleicht mich noch immer ein Anflug von Traurigkeit. Ich liebe meinen Vater heute - bedingungslos. Es war ein langer Weg bis dahin. Nichts fällt Menschen schwerer als loszulassen und zu verzeihen. Er hat immer lieben wollen, leider war er dazu nie in der Lage.

Heute, da mein Vater in der Form nicht mehr zugegen ist, haben wir uns lange verziehen. Irgendwann wurde er für mich auch erreichbar, und ich für ihn. Viele viele Jahre lang ist eine Kommunikation zwischen uns schon nicht mehr nötig. Es wurde alles kommuniziert, was es zu kommunizieren gab. Der Eine oder Andere mag das als zweckdienliche Illusion auffassen, was aber vollkommen irrelevant ist. Diese Geschichte ist meine Geschichte. ;)

Aber das ich Musiker bin wurmt ihn immer noch ein kleines Bißchen … ;)

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8 comments »

  Chris wrote on August 2nd, 2007 at 21:36



Hab lange überlegt, ob und was ich hier dazu schreibe.
Irgendwelches Mitleidsgesäusel wäre hier fehl am Platz, denke ich. Zumindest hat es mir nichts gebracht.
Aber ich denke ich kann nun ein kleines bisschen besser verstehen was den Menschen Ingo Vogelmann antreibt und warum er dieses und jenes so tut wie er es tut… ;)
Respekt für den Mut so offen über seine Gefühle zu schreiben!

  Himself wrote on August 2nd, 2007 at 21:56



Danke.

Wie tut er es denn? :)

  Chris wrote on August 2nd, 2007 at 22:01



Wie soll ich das in einem Satz beantworten? Zumindest meistens anders als ein Chris es tun würde. ;)

  Himself wrote on August 2nd, 2007 at 22:10



Musst du ja nicht in nur einem Satz beantworten. Vom zweiten Satz gehe ich aus. :)

  Chris wrote on August 2nd, 2007 at 23:39



Dieses “Wie tut er es denn?” - also das nachbohren um jeden Preis ;) ist bspw. eine typische Ingo-Art. DIe meisten Leute (mich eingeschlossen) hätten meine Aussage wahrscheinlich einfach so im Raum stehen lassen und sich selbst Gedanken darüber gemacht, wie derjenige es gemeint hat.
Außerdem hast Du eine teilweise ziemlich andere Werte- und Moralvorstellung als ich. Vielleicht sind wir deswegen in der Vergangenheit mal so zusammengerasselt.
Es fällt schwer die ganzen weiteren Kleinigkeiten in ein paar Worten zusammenzufassen, aber ich denke im Grunde genommen weisst Du es ja selbst am besten. ;)

  Himself wrote on August 2nd, 2007 at 23:42



Ich denke, unsere Ziel- bzw. Moralvorstellungen unterscheiden sich überhaupt nicht. Ich gehe sogar weiter und sage: Alle Menschen haben dieselben, sie wissen es nur nicht.

Jeder Mensch möchte geliebt werden und lieben. Die Wege dorthin sind nur sehr mannigfaltig. Und das ist der Punkt.

  Chris wrote on August 3rd, 2007 at 0:02



Du kannst aber nicht alles Handeln eines Menschen nur damit erklären. Wenn ein Mensch sich sagt “Ich muss arbeiten gehen” dann tut er dies doch auch nicht, weil er geliebt werden will, sondern damit er seine Lebenshaltungskosten tragen kann. Also eine rein rationelle Entscheidung.
Sicherlich will jeder Mensch lieben und geliebt werden, aber neben dem Bedürfnis nach Liebe gibt es halt noch zig andere Werte und Ziele im Leben eines Menschen. Zumindest sofern er nicht als Einsiedler auf einer einsamen Insel lebt.

  Himself wrote on August 3rd, 2007 at 0:06



Ich erkläre alles Handeln der Menschen mit diesem einen Ziel, ja.

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