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Ich berichtete ja bereits von meiner - wenn auch kurzen - Kindergartenzeit. Kommen wir nun zur Grundschulzeit:
Der Kindergarten war mein erster Kontakt mit Repression, welcher lediglich den Vorteil der Abwahl hatte. Kindergarten ist ja zum Glück nicht Pflicht.
Natürlich freute ich mich, wie alle Kinder, auf die Einschulung mit Schultüte und so weiter. Ich meine, mich noch an die ersten Eindrücke erinnern zu können. Mir fielen direkt die ‘Starken’ und die ‘Schwachen’ auf, denn Angeber in dem Alter verstecken ihren Größenwahn noch nicht. Machtverhältnisse wurden so früh bereits klar abgecheckt, mich allerdings betrachtete man allgemein mit Argwohn und eher vorsichtig. Ich sprach nicht viel, aber wirkte ganz sicher auch nicht als typisches, schwaches Opfer, kurz: Man beachtete mich wenig und ließ mich in Ruhe. Das änderte sich immer dann, wenn ich mal den Schnabel aufgemacht habe. Dann wurden Augen und Ohren groß und man wusste nicht genau, ob ich jetzt ein Klugscheißer oder ein netter Kerl bin. Bis zur 2. Klasse war es dann aber jedem klar geworden: Ich war ein Klugscheißer netter Kerl. Okay, ich war ein klugscheißender netter Kerl … woran sich ja offensichtlich bis heute nichts geändert hat.
Inzwischen war ich mit den ‘Leadern’ der Klasse befreundet, zählte mit zu dieser ‘führenden Abteilung’, ohne jedoch selbst Leadership inne zu haben. Das lag mir nicht. Da gab es (wie auch heute noch) immer welche, die das brauchten, wollten und gerne ausgelebt haben. Der Oberleader war sicher mein bester Freund, Michael Neumann. Er war laut, ein Angeber, fand sich stark (was ich das eine oder andere Mal widerlegen musste), aber er hatte auch gute Seiten: Er hatte immer Mörderideen und war irgendwie ein richtig lieber Kerl, wenn man die Möglichkeit bekam, dahinter zu schauen. Wir hatten einfach einen Mordsspaß bei Allem, was wir anstellten. Und wir stellten viel an!
Da waren noch Oliver I. und Andreas K., und zu Viert waren wir so etwas wie eine bärenstarke Truppe, die Revoluzzer.
Die Hauptopfer waren Gerd G. und Thorsten K. … Erster verfügte (als Kind, das muss nicht für heute gültig sein!) über die Cleverness eines Spülschwamms (und sah auch so aus), Zweiter war der leibgewordene Minderwertigkeitskomplex, hatte aber immer Geld in der Tasche, um für uns Süßigkeiten beim der Schule gegenüberliegenden Bäcker zu kaufen. Das tat er auch brav, er hatte nämlich keine Lust auf Ohrlaschen. Gerd konnte man nur verbal einen verbraten (was er sowieso nie verstand), denn Gerd war groß und stark. Okay, er war auch dick. Aber hauptsächlich war Gerd mit seiner Körperkraft ziemlich unberechenbar, denn Gerd war auch ein Hitzkopf, wenn er einmal merkte, wie er gerade verarscht wird. Dann wurde Gerd nämlich zu einem Berserker. Sollte Gerd das hier mal lesen:
Lieber Gerd, ich bitte dich um Verzeihung für all die Hässlichkeiten, die damals auch aus meinem Mund kamen. Ich könnte mir vorstellen, das dich das nachhaltig negativ geprägt hat, das war nicht in Ordnung. Du warst eigentlich ein wirklich netter Typ, immer hilfbereit und nett, und ich danke dir für die Einladung zu deinem Kindergeburtstag, der wirklich cool war. Besonders um Verzeihung bitte ich dich für mein schallend lautes Lachen, als du das Wort “Verkehr” an die Tafel schreiben solltest und dann “Foker” dabei rauskam. Aber hey, das war echt witzig. Sorry trotzdem, dich muss das tief getroffen haben, als dich daraufhin die gesamte Klasse ausgelacht hat und du angefangen hast zu heulen.
Oh, und es gab auch Mädchen! Und ja, wir interessierten uns recht früh dafür. Es gab nur zwei, die annähernd in Frage kamen, weil beide unendlich süß waren: Thora und Kathina (ja, ohne ‘r’). Wir buhlten übrigens ALLE jahrelang um beide, aber keiner von uns bekam auch nur eine der beiden. Und wo sind Michael und ich zuerst gelandet? Bei Kathrin. Und das ging so:
Kathrin war eine hellblonde, laute Göre, die nicht nur in unsere Klasse ging sondern auch noch 100 Meter von Michaels Haus in seiner Straße wohnte. Wir sahen sie also nicht nur in der Schule sondern auch am Nachmittag beim Spielen. Kathrin wusste, was sie wollte, und verfügte generell über den Schneid, dies auch unverblümt mitzuteilen. Zunächst bekundete sie ziemlich eindeutig ihr Interesse an Michael. Der ließ sich nicht zwei Mal bitten, angesichts der Tatsache, daß wir bei anderen sowieso 0,00 ‰ Erfolge zu verzeichnen hatten. Restefi#*en also.
Eines Tages - in der Schule, es war kurze Pause - ging Kathrin an die Tafel und fing an, mit Kreide etwas darauf zu schreiben (ich beobachtete den Vorgang nicht, war gerade mit was Anderem beschäftigt):
Ingo ist süß.
ARGH!
Plötzlich ging ein Raunen und hysterisches Gekreische durch das Klassenzimmer, alle schauten mich an und zeigten mit dem Finger auf mich! Oh mein Gott, wie peinlich! Kathrin hatte sich selbst öffentlich geoutet und mich in die Nummer mit reingezogen. Ich schaute an die Tafel und wurde gefühlt knallrot. Gut, im Folgenden, also Nachmittags beim Spielen, haben Michael und ich das Thema dann mit Kathrin nochmal vertieft und beschlossen also, daß Kathrin nun 2 Freunde hat, die mit ihr gingen. So einfach ging das.
Wir versuchten die ersten (abwechselnden) Küsse … und fanden das zwar spannend, aber auch irgendwie befremdlich bis ekelhaft.
In der 3. Klasse ereignete sich etwas, was mich gewissermaßen prägte. Ich störte mal wieder - meist angestiftet von Michael - den Unterricht, welchen wir bei Herrn Kutzner, dem stellvertretenden Direktor der Schule, hatten. Es begab sich also, das Herr Kutzner ohne Vorwarnung seinen dicken Schlüsselbund in die Hand nahm und mir über ca. 10 Meter (ich saß ganz hinten) mit voller Wucht an den Kopf donnerte. Ich wurde sehr schmerzhaft getroffen, und das Ganze war überhaupt nicht lustig. Ich war keine klassische Petze, aber in dem Fall kam ich mit einer blau leuchtenden Mörderbeule nach Hause, die ja ohnehin nicht zu verstecken war. Ich erzählte meiner Mutter also von dem Vorfall. Kurz: Es gab ein Riesentheater mit Herr Kutzner, der dann sogar hochoffiziell um Verzeihung für die Entgleisung bat, und zwar bei mir.
In der 4. Klasse bekam ich sogar einmal von meiner Klassenlehrerin, Frau Hünnebeck, ‘ne Ohrfeige, weil ich irgendwie Blödsinn auf dem Schulhof verzapft habe und sie dummerweise genau daneben stand. Eine geknallt zu bekommen war damals noch nicht so ein Problem, wie es heute der Fall wäre. Die Ohrfeige blieb (bis heute, also gerade jetzt) unerwähnt.
Meine Noten bzw. Beurteilungen waren in der Grundschule immer recht gut, obwohl ich natürlich hier bereits als Störer, notorischer ‘Hausaufgabenvergesser’ und schlicht als unaufmerksam auffiel. Es zeichneten sich bereits meine Mathematikunfähigkeiten und Faulheit ab. Schule nahm ich nicht ernst, mein Leben begann immer nach der Schule, wenn Michi, Olli, Andi und ich die Welt auf links gekrempelt haben. Alles andere zählte nicht.
Und weil meine besten Freunde nach der 4. Klasse alle auf eine Gesamtschule gingen, folgte ich dem nach, was sich nach kurzer Zeit (aus Sicht der Lehrer/innen) als Fehler herausstellte. Das war aber ein Fehler im vermeintlichen Fehler, davon erzähle ich beim Nächsten Mal … Thema ‘Sekundarstufe’.
Am Rande
Im Netz bin ich auf eine ziemlich passende Beschreibung des Ortes gestoßen, in dem ich aufgewachsen bin:
Die Heimaterde ist eine ehemalige Arbeitersiedlung der Firma Krupp. Eigentlich ist es hier wie in einem gemütlichen Dorf: Es gibt viele kleine hellgelbe bis blassrote Häuschen, man plaudert gern mit den Nachbarn und trifft sich weniger zum Einkaufen, sondern vielmehr zum Schwatzen, bei Plus oder bei Kels (ortsansässiger Edeka-Markt). Hier kennt irgendwie noch jeder jeden und die meisten sind irgendwie um irgendwelche Ecken miteinander verwandt. Grundschule und weiterführende Schulen liegen dicht zusammen und einen Sportverein gibt es natürlich auch.
So ein Dörfchen birgt natürlich auch eine Menge Nachteile. ![]()










