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Tuesday, December 5, 2006 by Ingo

Lichtfaßeulen

parent.deselectBloggerImageGracefully();} catch(e) {}” href=”http://bp3.blogger.com/_xWmDaUcclS8/RXTXd5lSlJI/AAAAAAAAAAY/10HzLo5vJYE/s1600-h/ingo-vogelmann-scan-0018.jpg”>Im letzten Eintrag habe ich gesagt, ich brauche viel Schlaf, und Frau auch. Frau schläft, nur ich nicht. Kind schläft - ausnahmsweise - auch. Aber der verkackte VOLLMOND macht mir (mal wieder) einen dicken Strich durch die Rechnung.

Ich bin 1,85 m groß und ca. 80 Kilo schwer. Ich bin schlank. Das schwankt zwar, aber meistens bin ich echt schlank. Deshalb darf ich bei Vollmond via Küche, Kühlschrank, was rausnehmen, runter ins Studio gehen, verspeisen und dabei einen unsinnigen Blogeintrag schreiben. Ich verspeise soeben “DA MARCO - FANTASIA DI YOGURT all’ Amarena”. Mit Kirschen natürlich (siehe Bild).

Okay, ich erzähle euch ein paar Geschichten. Hab ja sonst nix zu tun, der Vollmond … ihr wißt schon …

Bei meiner Mutter in der Wohnung angekommen, nachdem wir zunächst im Krankenhaus waren. Ein komisches, ja finsteres Bild zeichnet sind da im Wohnzimmer ab: aufgerissene Spritzen- und Kanülenpackungen liegen da auf dem Boden und dem Esstisch, zudem alles ungewohnt unaufgeräumt. Meiner Mutter muß es wirklich dreckig gegangen sein, als die Herren (und vielleicht Damen) Notärzte bei ihr eintrafen.

Ab, zurück ins Krankenhaus, 21:30 in Deutschland, Ruhrgebiet, mein Bruder und ich wollen meiner Mutter noch die paar Sachen aus ihrer Wohnung bringen, die sie vergessen hatte. Sie hatte ALLES bei, die halbe Wohnung sozusagen, und was vergißt sie? Zahnbürste und Zahnpasta. Okay, wenn man gerade ne Herzatttacke hat und so gerade eben selbst den Notarzt anrufen kann, dann kann man das schon mal vergessen. Aber den Stecker vom Fernseher, den hatte sie rausgezogen! Könnte ja mal gewittern …

Jedenfalls stehen wir beiden Pattjacken (niederländisch: Dreckskerle) vor dem hypermodernen Empfang des Krankenhauses und ich spreche zu einer der beiden Lichtfaßeulen (den Begriff erkläre ich später), die dort sitzen:

“Guten Abend. Wir möchten gern unserer Mutter ein paar Dinge bringen, sie ist heute Abend eingeliefert worden, war zuletzt in der Notaufnahme.”

“Jaaahaaaaaa …. aber die Besuchszeit ist schon vorbei, es ist jetzt Nachtruhe.”

“Das ist kein klassischer Besuch, wir möchten unserer Mutter etwas bringen, was sie braucht.”

Eule Nr. 2, die wesentlich weniger kratzbürstig erscheint, fragt:

“Wie heißt denn ihre Mutter?”

Ich nenne den Namen und sie beginnt zu telefonieren. Fragt auf der Station den Pfleger, ob die beiden Pattjacken, die vor ihr stehen, mal kurz zu ihrer Mutter dürften. Nein, hat sie nicht gesagt, sie sagte “Söhne”, aber egal. Pfleger findet das in Ordnung. Wir auch, ab in die achte Etage.

Auf dem Flur der Achten sitzt Papst Johannes Paul apathisch in einem Rollstuhl und meditiert, oder so. Er hat’s hinter sich, aber das wißt ihr ja schon. Pfleger ist echt nett und läßt uns zu Mama Shock)

Mama liegt auf einem Zimmer mit drei anderen … Damen recht abgehangenen Jahrgangs. Die haben irgendwie Hüfte, Bein, Rücken, Schnappatmung und sonstwas … Mama meint später, die seien ja noch jung, und ich erinnere mich auf einmal, wieso ich früh ausgezogen bin (Scherz).

Mutter freut sich, wir albern etwas herum, flüsternd, damit die anderen Damen nicht gestört werden. Mit Mama kann man gut herumalbern, die macht jeden Blödsinn mit. Muß sie ja auch, bei den Söhnen. 44 und 34 Jahre alt und ein Benehmen wie die Kinder. Mutter geht’s auch gut, denn sie hat ein paar granatige Drogen verbraten bekommen, die sie noch lustiger machen, als sonst.

Nach 5 Minuten flüsternder Comedy mit Mama geht auf einmal das Licht aus! Eine der Damen hat mal eben kackfrech die Funzel ausgepustet! Ja ja, so geht das, wenn erwachsene Männer sich nicht benehmen können. Wir sitzen im Dunkeln.

Aber ein heuchlerisches “Auf Wiedersehen!” drücken sich BEIDE Hühner noch gequält heraus.

Und jetzt zu den Lichtfaßeulen:

Bruder and myself sitzen im Auto back home on the Autobahn. Aus einem Grund, den ich vergessen habe, erwähne ich das Wort “Litfaßsäule”. Dann sagt mein Bruder - der Schelm - “Lichtfaßeule”. Wir lachen uns tot, keiner weiß warum, am wenigsten wir selbst. Einfach eine neue Wortschöpfung, die deutsche Sprache ist ja so arm, da braucht es uns (Pattjacken), um Deutschland mit neuen Vokabeln zu bereichern. Im Nachhinein könnte ich mir vorstellen, das mein Bruder eine Assoziation zu den beiden adipösen LFE am Krankenhausempfang geschlagen hat. Wahre Lichtfaßeulen.

Nochmal zu Mutter:

Meine Mama ist ein lebensfroher, wenn auch etwas vom Leben gebeutelter, Mensch. Jedenfalls ist das ihr Empfinden, welches ich aber nachvollziehen kann. 1938 mitten im Krieg geboren, evakuiert worden, schwere Kindheit, Vater früh gestorben, mit Mutter nicht viel anzufangen usw. … das Übliche halt. Danach viel Ehemännerterror, und dann auch noch die Pattjacken … ihr wißt schon. Nee, Mama ist stolz wie Bolle auf ihre Söhne, die ja so schön zusammenhalten, Kinder haben, lieb sind, anständig und nächstenliebend. Das kann sie gar nicht oft genug wiederholen.

Das Erste, was sie gefragt hat, als wir ins Krankenhaus kamen war:

“Ingo, geht’s euch gut? Wie geht’s der Kleinen, alles in Ordnung?”

Heute habe ich zum Allerersten Mal die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß unsere Mutter nicht mehr sooo lange im Diesseits verweilen könnte. Sie ist (erst) 68, aber heute kam der Gedanke wirklich zum Ersten Mal in meine reelle Nähe. Als ich sie am Telefon hatte - weil ich eigentlich was ganz Banales fragen wollte - und sie weinte und meinte, sie habe dolle Schmerzen in der Brust und gerade den Notarzt angerufen, da wurde mir ganz komisch. Sehr komisch wurde mir da. Ich habe kein Problem mit der Vorstellung, das meine Mutter irgendwann aus diesem Leben scheidet. Womit ich ein Problem habe: Mit der Angst meiner Mutter. Eine schreckliche Angst, die sie heute hatte. Todesangst, die ich ihr vollkommen wortlos später im Krankenhaus nehmen konnte, indem ich schlicht meine Hände auf sie gelegt habe, als der Arzt gerade an ihr herumdokterte. Sie wurde ganz ruhig, der feste Griff ihrer Hände an meinem Arm ließ nach, und ich merkte, wie ihre Angst wich. Sie wußte in dem Moment, was ich ihr sagen wollte, und sie wußte, vor der Tür steht mein Bruder und möchte ihr Ähnliches sagen:

“Mama, hab keine Angst. Du brauchst keine Angst zu haben, alles wird gut. Uns geht’s gut, kümmer dich um dich.”

Zum Einen hat mir das deutlich gezeigt, wie sehr meine Mutter das Leben als solches liebt, auch wenn sie es selbst oft als sehr schwer empfunden hat. Zum Anderen ist mir klar geworden, und das ist etwas, was mich sehr anrührt und (vielleicht gerade heute Nacht) beschäftigt:

Sie möchte, das es uns gut geht. Uns, unseren jungen Familien, die wir gegründet haben, unseren kleinen Kindern. Sie möchte sehen, das wir keine Sorgen haben und das wir - als Brüder und Familie - füreinander da sind. Das ist alles, was ihr Herz noch wirklich erfüllt. Eigentlich denkt sie gar nicht so sehr an sich selbst, sie hat nur die Todesangst, nicht mehr für uns da sein zu können, wenn ihr was passiert.

Ich möchte nicht sagen, das meine Mutter am Ende ihres Weges in diesem Leben steht, so weit ist es noch lange nicht. Aber klar geworden sind mir heute trotzdem ein paar Dinge. Möchten wir nicht alle - wenn wir glauben, wir müssten bald gehen - ZUFRIEDEN und mit einem LÄCHELN auf dem Gesicht gehen? Wissen, das alles in Ordnung ist, und das unsere Kinder es gut haben?

Ich ehre meine Mutter, was ich vielleicht nicht immer genug getan habe. Es gehört schon etwas Reife dazu, ein bißchen vom Leben um die Ohren bekommen zu haben, um zu erkennen, daß jeder Mensch - so auch meine Mama - immer das getan hat, was sie konnte. Was sie nicht konnte, hätte sie gern gekonnt. All das war getragen von Liebe, das war immer ihr Motor.

Und deshalb ehre ich sie - nicht für das, was sie letztendlich von dem geschafft hat, was sie tun wollte. Und so bin ich bestrebt - übrigens - jeden zu ehren, der seine Gedanken und Taten durch diesen Motor ausführt. Ob Mama oder nicht.

Meine Mutter war so glücklich, das wir so schnell da waren. Wie schön ihre Augen geglänzt haben, als ich ihr in der Notaufnahme über die Wange strich, und wie sie meinen Bruder zwei Mal hintereinander fest an sich gedrückt hat, an ihrem Krankenbett. Ich möchte wetten, sie wird jetzt sehr schnell wieder gesund Shock)

Ihr könnt meiner Mama in den Kommentaren was schreiben, wenn ihr Lust habt. Ich zeige ihr das dann beim Nächsten Besuch. Ernsthaft. Da wird sie sich freuen Shock)

Jetzt esse ich noch “DA MARCO - FANTASIA DI YOGURT Stracciatella”. Ohne Kirschen, aber viel Stracciatella. Morgen spiele ich dann Zombie, mir selbst an den Füßen und anderen was vor.

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2 comments »

  Thomas wrote on December 6th, 2006 at 9:35



Also wirklich Mama Vogelmann, wer zwei solche “Pattjacken” groß gekriegt hat wird sich von ‘nem blöden Herzkasper sicher nicht in die Knie zwingen lassenWink
Ich würde es als Zeichen dafür sehen, langsam mal einen Gang zurück zu schalten, sich des eigenen Lebens und dem der Kinder zu freuen und von der Familie richtig “betüddeln” zu lassenSmile

Alles Gute und liebe Grüße,
Thomas

  plattenboss wrote on December 6th, 2006 at 10:45



ALLES LIEBE MAMA!

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