Ich war ja nicht immer nur Musiker. Ich hab zwar immer Musik gemacht, aber das haben - als ich jugendlicher Musikfan und Schlagzeuger war - nicht viele ernst genommen, schon gar nicht mein Vater, Kaufmann bis in die letzte Pore, mit jüdischen Vorvätern, alle Kaufleute, Rechtsanwälte, Ärzte etc. …
Neben all den Dingen, die ich noch so gemacht habe, um ein schafgerechtes Leben zu führen, verdonnerte mein Vater mich als Berufanfänger einst zu einer Ausbildung zu Versicherungskaufmann. Da gab es gar keine Diskussion, nicht mal im Ansatz. Klein war ich, gerade aus der Schule (normal), der Einzige im Azubilager ohne Abitur. Alle waren schon volljährig, nur ich, ich war der “Kleine”. Ich wollte diesen Beruf nie machen, aber es hat mich auch keiner gefragt.
Ich habe 64 Bewerbungen - damals noch mit der Hand - geschrieben, die Vierte war dann die Ausbildungsstelle, also hätte ich mir die anderen 60 sparen können. Siehe Bewerbungsfoto zur Rechten (ARGH!!). Mir kam sicher - so ohne Abi - zu Gute, daß ich eines der besten Abschlusszeugnisse meiner Schule hatte, also war die Versicherung auch ohne Abi an mir interessiert. Haben wohl gedacht, ich sei ein Überflieger oder sowas. Die Peitschenhiebe meines Vaters, damit ich so gut in der Schule war, habe ich natürlich nie erwähnt. Ich war nicht besonders schlau oder fleissig, nur GEFÜGIG, damit es weniger wehtat.
Also landete ich beim Volkswohl Bund V.V.a.G. (Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit) in Dortmund, in der Direktion, also dem Hauptsitz. Ca. 500 Schafe sind da täglich ein- und ausgegangen, um ihrer äußeren Frist davon zu laufen. Als ich mir selbst gerade die Website angesehen habe (warum eigentlich?), ist mir aufgefallen, das der damalige Abteilungsleiter der Abteilung “Buchhaltung” heute der Vorstandsvorsitzende ist, Dr. Joachim Maas. Der war damals noch ziemlich jung, aber auch schon Doktor! Von dem war ich beeindruckt, weil er nämlich so ein Überflieger war, und außerdem war der sogar sehr nett.
Der damalige Vorstandsvorsitzende, Dr. Dieter Vogt, war weniger angenehm (obwohl ich nicht viel von ihm gesehen habe), ich habe ihn nur zwei oder drei Male im Aufzug getroffen und mir dann in die Hose gekackt, so von wegen “Guten Morgen Herr Dr. Vogt!” … “Guten Morgen, Herr … ääähh …”. Er kam auch einmal genau in dem Augenblick in den Aufzug - und damit rechnete ja keiner, weil der Vorstand seine eigenen Aufzüge hatte (!) - als wir Azubis gerade alberne Witze über “Diddi” machten. Das war nicht mehr peinlich, nein, wir alle bangten in den folgenden Tagen um unseren Arbeitsplatz. Ist aber nix passiert.
Ganz ehrlich: Die Zeit dort war für mich schrecklich. Ich werde viele Dinge nie vergessen, wie z.B. meine “Einschulung” und alles direkt danach. In den ersten paar Wochen war ich in der Antragsabteilung (Anträge einhacken), Abteilungsleiter HB Krede (Handlungsbevollmächtigter). Der hatte nicht nur die Bezeichnung HB, der war auch HB, und zwar Männchen. Wenn er gerade 20 Meter von seinem Glaskastenbüro entfernt war, und das Telefon in seinem Büro schellte, bekam der Mann einen Herzinfarkt und brach sodann den Rekord auf 20 Metern Sprint. Ich würde mal locker schätzen: 1,5 Sekunden. Ein echtes HB-Männchen.
Dort habe ich meine ersten Erfahrungen in Sachen Berufsleben gemacht. Die Nachwirkungen sind heute noch spürbar (”Sheep EP”
. Von 8 Stunden Arbeitszeit wird vielleicht effektiv eine gearbeitet, der Rest wird “dahingemogelt”, und zwar mit einer Perfektion, die seinesgleichen sucht. Keiner merkt was oder will es nicht merken. Von der Stechuhr mit Gleitzeit, morgens um 7:00 Uhr, bis zum Arbeitsplatz haben die meisten schon über 10 Minuten gebraucht. Dann wurde sich am Platz sortiert, 10 Minuten. Kaffee, 10 Minuten. Zeitung, 10 Minuten. Brötchen, 10 Minuten. Schwätzchen, 10 Minuten … usw. usf. … und schnell war es 8 Uhr und man begann laaangsam, so zu tun, als würde man arbeiten. Das waren meine ersten Eindrücke. Und die darauffolgenden Jahre verhärteten diesen Verdacht, der mir aufzeigte, wie die Welt da draußen wirklich funktioniert:
Durch Abhängigkeitsverhältnisse, gewollte oder zumindest schweigend gebilligte Versklavung, die unweigerlich nur dazu führen kann, das der Mensch sich alle möglichen Schlupfwinkel sucht, um mit dem täglich Weltschmerz irgendwie zurecht zu kommen. Bis zur Frühstückspause, bis zur Mittagspause, bis zum Feierabend, Wochenende, Urlaub, Feiertage … letztendlich, um bis zur Rente durchzuhalten. Und dann fünf Jahre später den Arsch zukneifen. Geil.
Auf den Gängen jeden Tag das gleiche Szenario. “MOOOGN”, “MAAAHLZEIT”, “SCHÖN’ FEIAAAAMT”. Tagein, tagaus, die Uhr tickt dahin, die Schäfchen zählen sich von selbst oder werden gezählt, ohne es zu merken. Nach 15 Jahren rutscht man mal eine Gehaltklasse höher oder wird mal aus Versehen “Gruppenleiter” und bekommt ein paar Kröten mehr, obwohl man denselben Blödsinn wie vorher macht. Jedes Jahr bekommt man vom Abteilungsleiter eine Beurteilung reingehauen, die nach oben weitergeleitet wird, um zu sehen, wie die Verhandlungschancen der Personalabteilung liegen, wenn’s mal um ‘ne Gehaltserhöhung geht. “Soso, Herr Schnakenhuber, eine Gehaltserhöhung möchten sie haben. Nun, vor 10 Jahren haben sie ja mal eine Akte in der Inkasso verschlampt …”, und so weiter …
Irgendwann, ich glaube, so im zweiten Jahr, bin ich morgens nur noch mit Magenkrämpfen dort aufgeschlagen und habe mich durch den Tag gequält. Die Versklavung, jeden Tag, sich das alles mit anzusehen und selbst am eigenen Körper mitzuerleben, hat mich fertig gemacht. Wenn Berufsschul-Blockunterricht war, war das Urlaub. Zwischenprüfung, durchgemogelt, das Ganze ein einziges Durchgemogele. “Betriebsinterner Unterricht”, jeden Dienstag, der Tag zum Schlafen. Mehr Skat gekloppt (richtig mit Geld, hihi) als alles andere. Nur Blödsinn gemacht, das war ja der einzige Tag, an dem das so ging. Der eine oder andere Ausbilder war auch ganz in Ordnung. Soweit er halt konnte.
Ich war froh, als das Spiel - denn was anderes war das nicht - endlich vorbei war. Raus aus dem Gefängnis, der Versklavungsmaschinerie. Ich habe in meinem folgenden Leben immer ein Problem mit Authoritäten gehabt, konnte mich nie unterordnen und war sowieso immer schlauer. Irgendwann, über 5.000 Umwege, bin ich dann ins kalte Wasser gesprungen, und habe zu mir selbst gesagt: “Steh auf, du Flasche, und ziehe durch, was du immer wolltest und am besten kannst. Sei es noch so hart.”
Ich hab’s getan. Und es war und ist auch heute noch manchmal sehr hart. Undankbar erscheinend bisweilen, 7-Tage-Woche, Unsicherheit ohne Ende, viele Abstriche …
Der eine oder andere möge sich an diesen Beitrag erinnern, wenn er mal glaubt, der Vogelmann würde ja locker vom Hocker alles so dahinwuppen und es sich einfach machen, und überhaupt, der will ja sogar Geld für seine Musik, der Penner. Der sitzt doch nur da und spielt sich ein bißchen an den … Ihr wißt schon. Schreibt mal ein paar Blogeinträge, dödelt an seiner Website herum, telefoniert ein bißchen mit anderen Musikern und macht ein bißchen Mucke, um die dann in den L2 Store zu jubeln. Ein Schaumschläger isser, der verkackte, aufgeblasene Sack. Steht nicht morgens um 6 Uhr auf, wie anständige Menschen, und geht arbeiten! Nachts ist bei dem noch Licht, der säuft doch bestimmt nur und nimmt Drogen! Und die langen Haare und der Bart, bääääh, was ist das denn für einer? Macht so einen auf Späthippie und hat’s bestimmt faustdick hinter den Ohren, ein wahrer Wolf im “Schafs”pelz! Ach, und der meint, er sei Freiberufler und will sich auch noch der Gewerbesteuer entziehen (die sowieso abgeschafft werden soll)? Will wohl auch noch den Staat mit seinen Spielerein belasten … dieses Pack!
So oder so ähnlich reden “die Leute da draußen”. Die Schafe, die sich ihres Sklavenstatus gar nicht bewusst sind. Die wissen nicht mal, wann ihre Frau ihre Periode hat. Oder wann ihr Kind im Jugendalter … Ihr wißt schon. Fragt einfach mal Euch selbst oder Andere: “Hast Du Deine Eltern mal nackt gesehen?”
Aber dann: “Kuck mal aus dem Küchenfenster, die Schwabullas haben getzn’ neues Auto. Oha! Wie können die sich denn die neue Karre leisten? Er macht bestimmt krumme Sachen, der Vogel. Ich hab das schon immer gedacht! Hatte der nicht die Steuerfahndung am Arsch?”
Oder: “Mach die Heizung demnächst nur noch auf 2, statt auf 3. Wir haben 150 € Nachzahlung.” (Mach dir doch ein Lagerfeuer, du Arsch)
“Was machen sie denn beruflich so (vor allem “SO”
, Herr Vogelmann?” “Ich mache SO Musik, versteeehn’se?” “Wie jetzt?” “Na SO jetzt.”
Und weil ich SO Musik mache, wollte mir die Stadt ein Gewerbe unterjubeln: Computer-Groß- und Einzelhandel. Nee, is klar. “Oh, da haben wir uns tatsächlich geirrt.” Na ja, versuchen kann man’s ja mal. Man kann ja nicht ahnen, daß nicht alle Schafe sind. Immer klappt sowas ja auch nicht.
Wer glaubt, das sei alles sozialkritisches Gefasel, der glaubt auch noch daran, das Demokratie funktioniert.
Ich bereue keine Sekunde. Nicht mal eine Millisekunde. Ich lebe (m)einen Traum, und der Preis dafür ist GIGANTISCH. Gigantischer als alles, wofür ich je bezahlt habe, und jeden Cent wert. Ich lebe, und zwar bis zum Letzten Moment. Vorbei ist es, wenn es zu Ende ist, und nicht wenn irgendein Schaf darüber entscheidet.
Ich wünsche allen das Licht. Und wer das nicht haben will: Go fuck yourself. Sheep. Määäähäääää …






