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Tuesday, March 14, 2006 by Ingo

Die Reise

“Was Großes machen, enorme Emotionen wecken” … das war mein erster Gedanke, als ich zum Ersten Mal über “God” nachgedacht habe, das Album, was nichtmal im Ansatz begonnen hat. Oder doch. Ich habe Vorstellungen - konkrete - zum Artwork. Und ich weiß den Titel schon, und ich habe ein paar Ideen, von denen ich später weiter unten was erzähle. Ich habe auch vor Monaten mal mit “God”-Schnipseln angefangen, aber heute gefällt es mir schon nicht mehr. Ich verändere mich schneller, als meine Musik zu mir passt. So empfinde ich es jedenfalls.

Ich habe dieses Phänomen - so würde ich es bezeichnen - schon ab und zu mal einigen Menschen erklärt, die mich gefragt haben, wie und ob ich meine eigene Musik überhaupt höre. Um ehrlich zu sein: Ich höre fast nur meine eigene Musik, mit wenigen Ausnahmen (manchmal auch, weil ich “muss”, Stichwort “L2 Music”Wink. Ich finde diese ganze Musiklandschaft langweilig, überkommerzialisiert und nichtssagend, wenn ich es auf einen Punkt bringen müsste.

Also, meine Musik ist viel langsamer als ich, direkt nach Produktionsende habe ich schon kaum noch einen Bezug dazu, sie entwickelt eine Art “Eigenleben”, irgendwie habe ich dann nichts mehr damit zu tun. (Was das hier ist? Vielleicht ein Interview mit mir selbst …Wink

Ich finde sie gut, wirklich gut, aber sie hört sich für mich dann so an, als hätte ich sie nicht gemacht. Während der Produktion stecke ich voll drin, bin für mein Umfeld mehr geistig abwesend als alles Andere … aber wenn ich gemastert habe und das Ding “im Kasten” ist, nehmen die Dinge einen ganz eigenen Lauf. Ich finde es selbst komisch. Richtig verstanden habe ich es noch nicht.

Am 18. November 2006 werde ich ein 4 Stunden langes Album veröffentlichen, und ich habe noch nicht eine einzige Note komponiert. Ich weiß natürlich, daß es klappen wird. Irgendwie kam “Sheep” mir dazwischen, zwischen alles, und “Schuld” war ein einziger Satz. Von BT (Brian Transeau), der meine Gefühlslage aus der Bahn geworfen hat (”We’re all fuckin’ sheep”Wink, und auf einmal musste ich “Sheep” machen. Sheep ist definitiv ein bißchen wie meine (musikalische) Idee zu “God”, also sowas wie ein Vorläufer. Und dennoch weiss ich nicht im Geringsten, was bei “God” rauskommt. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß die Meßlatte hoch liegt, vielleicht ist “Sheep” das Beste, was ich je gemacht habe. Ich weiss es nicht. Genauso wenig, wie ich weiß, welche Musik ich überhaupt bisher gemacht habe. Ich habe sie immer einfach in dem Moment gemacht, in dem ich dachte “sowas machst du jetzt”.

Irgendwann letztes Jahr hat mir einer meiner engsten Freunde - dessen Namen ich nicht nenne (weil auch Produzent) - von seinem kreativen Loch erzählt. Er meinte sowas wie “Keine einzige Note fällt mir ein. Ich sitze stundenlang da, im Studio, und nichts passiert. Ich bewege mich nichtmal, und mein Atem ist das Einzige, was ich höre”. Ich habe ihm damals gesagt, das ich sowas gar nicht kennen würde und es mir auch gar nicht vorstellen könnte, Musik sprudelt bei mir immer so einfach heraus, als müsste ich nur den Wasserhahn aufdrehen. Irgendwie habe ich dieses Gefühl nicht mehr (so sehr). Auch nicht das Gefühl eines kreativen Lochs - ich habe auch in diesem Moment jede Menge Melodien im Kopf - aber “God” stellt mich vor eine große Herausforderung, soviel weiß ich. Und ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich weiß ‘ne Menge nicht. Zum Beispiel auch nicht, wieso ich unbedingt sowas wie “God” machen muss. Und, ob Ihr’s glaubt, oder nicht: Ich MUSS es machen! Das geht gar nicht anders. Es ist total beknackt, ich muß ja niemandem was beweisen, aber ich habe das große Bedürfnis etwas Großes zu machen. Immer noch. Vielleicht sind das Komplexe. Vielleicht hat diesen Wunsch jeder Mensch; etwas Grosses zu machen, damit nie wieder einer von dir sagen kann “der hat doch in seinem Leben nicht viel bewegt”. Ja, vielleicht habe ich diesen Antrieb aus diesem Grund.

Sich selbst immer wieder übertreffen, ich kann mir vorstellen, daß einen das irgendwann bescheuert macht und man durchdreht, auf gewisse Art und Weise. Im Moment der Produktion - wenn ich noch einen Bezug zu der Nummer habe - weiß ich noch, ob was gut ist, oder scheiße. Und kurz danach schon nicht mehr. Mich wurmt das etwas. Ich habe keine Ahnung, was ich die ganzen Jahre über gemacht habe. Andere sagen, das es gut ist. Nur ich weiß es nicht. Ich ahne es lediglich.

Ich will Euch was von “God” erzählen, die Ideen, die ich habe.

Viele Geräusche aus dem Leben, Dinge, die einem täglich akustisch in die Ohren kommen, rhytmisch verwurstet. Menschliche, tierische Geräusche, auch von Pflanzen, wie z.B. Bäume, die im Wind knarren und knarzen. Atmen, lachen, heulen, und so weiter und so fort …

Ich trommele oft (allein) auf meinen Oberschenkeln, wenn ich gerade kein Schlagzeug in der Hosentasche habe (so ein MacGuyver Teil), und ich habe schon oft eine gewisse “Qualität” dabei entdeckt. Ich weiß, klingt albern, aber ist wirklich so. Ich will das aufnehmen und verarbeiten. Mit den Fingern allein kann man hervorragend rhytmisch arbeiten. Nur mit Fingergeräuschen! Okay, Oldfield hat seine Kinder beim Zähneputzen aufgenommen und es verwurstet … aber wer ist schon (noch) Oldfield? Ich nehme das erst dann zurück, wenn er wieder Musik macht.

Selbst mit der Zunge im geschlossenen Mund kann man eine Menge anfangen (natürlich auch ausserhalb, aber das gehört hier und jetzt nicht hin). Ich frage mich zwar noch ernsthaft, wie ich sowas aufgenommen kriege, aber ich werde schon eine Lösung finden. Vielleicht ein Unterwassermikro Shock)) … vielleicht auch ‘ne Mundorgel mit zungenanschlagdynamischem MIDI-Interface … okay, lassen wir das. Ausserdem ist MIDI ja mehr ‘ne Krankheit als eine Technologie. Mehr was für so Leute, die nicht merken, daß sie leben … die fummeln gerne tagelang an Controllereinstellungen herum, bevor mal ein Ton aus der Büchse kommt.

Ich denke an Frösche, die ein Froschkonzert geben und ich des Nachts an einem Tümpel hocke - mit einem mobilen Aufnahmegerät - und die Hüpfer bei der Werbung belausche. Selbst die von mir so gehassten nicht so unheimlich gemochten Moskitos will ich aufnehmen. Was ich ja auch sensationell finde: Hunde haben wesentlich weniger Körpermasse als Menschen, aber die Stimme ist wirklich viel tiefer (selbst als meine)! Das Brummen meines Hundes liegt bestimmt irgendwo - in den unteren Frequenzen - bei 10 kHz. Okay, gibt kaum ein Soundsystem wieder, aber macht ja nix. Verarbeiten, oder zumindest grafisch sehen, kann ich es ja trotzdem Shock)

Snare Drums werden nur so robust gebaut, weil Zeitungen nicht lange halten würden, denn unter gewissen Umständen gibt eine lose gefaltete Zeitung (vorzugsweise Tageszeitung) Geräusche ab, die NOCH besser klingen als eine gute Snare. Bei einer Snare schwingt soviel mit … bei einer Zeitung so gut wie nichts.

Ich höre in diesem Moment “Sheep”. Bin gerade am Anfang. Ich weiß, das das gut ist. Aber alles geht besser. Auch da bin ich gerade am Anfang. Und vor einigen Jahren war ich da auch, am Anfang. Ich bin immer am Anfang.

Die Reise hat kein Ende, sie beginnt jede Sekunde neu mit einem Anfang. Ich weiß nicht, wo die vielen Anfänge mal … enden. Nichts scheint mir vollendet, und dennoch irgendwie schon perfekt. Es gab Sachen, die konnte ich nicht besser machen, auch heute nicht mehr. Die sind so, wie sie sind, perfekt. Natürlich nicht für jeden, auch nicht für mich, aber gerade deshalb. Gott ist nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen. Und dazwischen, und überall.

Vielleicht schaffe ich es ja, ihn auf “God” für einige akustisch hörbar zu machen. Vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der Wahrnehmung, wie alles Andere auch.

Insofern gehe ich davon aus, daß dieser Beitrag super und total bescheuert ist. Und das gleichzeitig.

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1 comment »

  Thomas wrote on March 14th, 2006 at 16:11



Ich denke solange Du Dich immer weiter selbst überflügeln willst, bist Du auf dem richtigen Weg.
Das Du fast nur Deine Musik hörst, dieses “Phänomen” kennen glaub ich alle Künstler.
Das mag damit zusammenhängen das bei fast allem was Du komponierst Deine Emotionen und Gedanken einfließen. Wenn Du Dir später dann die Stücke anhörst, erinnert sich Dein Unterbewußtsein daran und Du fühlst Dich wohl.
Das ist natürlich sehr schwer auf andere Zuhörer übertragbar, aber wenn es Dir gelingt hast Du etwas Großes vollbracht.
“SheepEP” und “Deep Understanding” kommen dem schon sehr nahe.
Aber “GOD” könnte genau sowas werden, laß Dich da einfach von Deinem Gefühl leiten.
Wenn Du Moskitos, Schlürfgeräusche, Frösche, oder balzende Hirsche aufnehmen willst, dann tu das.
Das wird Dir bei Deinem Projekt nur hilfreich sein, da bin ich sicher.

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